So manchmal wundere ich mich über mich selbst und über das was ich gerade mit meiner Partnerin erlebe. Kurz zur Einordung: Wir kennen uns seit 4 Jahren aus SL. Wir haben in den letzten 4,5 Monaten viel Zeit im realen Leben miteinander verbracht. Seit 2 Monaten sind wir „offiziell“ ein Paar. Ich habe einige Beziehungen geführt, aber es fühlte sich nie so „leicht“ an wie in dieser, vielleicht weil wir einfach nicht den klassischen Weg gegangen sind: Nur die guten Seiten zeigen, Versprechungen machen (die dann in meiner Vergangenheit fast nie gehalten wurden), Überzeugungsarbeit leisten und versuchen irgendwie das Herz des anderen zu gewinnen. Es war eher der andere Weg, eben der schwierige und holprige. Darüber habe ich ja schon mehrfach geschrieben.
Jetzt wo wir seit 8 Wochen „zusammen“ sind, hat sich an dem was „davor“ war nicht viel verändert. Wir schreiben, telefonieren, verbringen viel Zeit über die Distanz miteinander. Wir reden, entdecken, lachen, weinen, ziehen uns auf und regulieren uns gegenseitig. Jeder trägt ein wenig des Anderen mit. Sei es nun Alltägliches oder besondere Momente. Jeder darf von sich erzählen, der andere hört zu. Es wird gesprochen und vorsichtig nachgefragt, ob es denn okay wäre, wenn man hier und da eine Frage stellen darf, warum etwas sich so zugetragen hat. Interesse, Respekt und Augenhöhe sind keine leeren Worte, sondern werden gelebt.
„Die Vergangenheit kann man nicht ändern, die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Was uns bleibt ist das Hier und Jetzt“

Unsere Vergangenheit wird angesprochen, wenn es für das Verständnis gebraucht wird oder man sich dafür interessiert. Das Hier und Jetzt ist manchmal von Ereignissen gefüllt, die eben im Leben geschehen. Wir reden in dem Moment darüber, wenn es geschieht. Was wir als Zukunft uns ausmalen, ist ein Ziel auf das wir hinarbeiten, auch wenn wir nicht wissen, wann wir dort ankommen werden. Wir wollen beide diese Zukunft und auf dem Weg dahin erkennen wir immer mehr, wie sehr wir uns wollen. Liebe zeigt sich, nicht im Sinne „die ganze Welt dreht sich nur darum“, sondern viel mehr in den ganz alltäglichen Dingen. Ein „Teil des Lebens“ zu sein ist hier wirklich wörtlich zu verstehen! Selbst ein Foto vom Frühstück, auf der Couch liegen oder vom Wäsche waschen sind für außenstehende „langweilig“ oder könnten als „Statusupdate“ verstanden werden. Für uns ist es „Nähe“. Wir leben (noch) nicht zusammen, lassen den Anderen aber daran teilhaben was wir gerade tun oder geschafft haben. Man bindet seinen Partner mit ein, auch wenn wirklich keine physische Präsenz möglich ist. Er gehört schließlich dazu. Man denkt in „Gemeinschaft“. So ist es auch nicht verwunderlich, das er in kleinen Entscheidungen, selbstverständlich mitgedacht wird. Man kauft Tassen zweimal, man bezieht die zweite Betthälfte, man schafft Platz für den Partner im Badezimmer. Man schafft Raum für jemanden, der plötzlich vor der Tür stehen könnte um mit jemandem gemeinsam zu „leben“, auch wenn es nur auf (begrenzte) Zeit ist.
Was daran gesund ist, ist Gegenseitigkeit. Es hört auch nicht damit auf das man nur den Alltag sondern auch alles andere teilt. Familie, Verbindungen, Zweisamkeit (im Rahmen der Möglichkeiten). Es ist nicht verwunderlich, das dadurch fast „Standleitungen“ über WhatsApp entstehen. Wir können über 15 Stunden miteinander verbringen ohne das der andere genervt ist. Natürlich „reden“ wir nicht die ganze Zeit, sondern leben ganz normal weiter unseren Alltag. Auch können wir einfach mal schweigen und unseren Gedanken nachhängen ohne den Anderen „tot zu quatschen“, die Verbindung bleibt bestehen, selbst über Nacht und bis in den Morgen hinein. Wenn einer gerade nicht möchte, ist das dennoch kein Grund die Gefühle füreinander in Frage zu stellen. Sie bleiben, auch wenn man mal für sich sein muss/möchte.
Es ist vielleicht auch die Aufmerksamkeit die man sich Gegenseitig schenkt. Nicht dauerhaft sondern in gesunder Dosierung. Wie ein Medikament mit Depot-Wirkung das seine Wirkstoffe mit der Zeit abgibt. Hier ist es einfach mal ein Gedanke, ein Reel, ein Meme oder ein paar kleine Worte. Auch wenn manchmal Stunden dazwischen liegen können, bis der Andere darauf reagiert. Man „verschwindet“ nicht. Auch dann nicht, wenn der Partner gerade keine Energie hat um zu antworten oder anderweitig beschäftigt ist. Es fühlt sich alles „einfach“ an. Auch in unseren Gesprächen, merken wir immer wieder diese Leichtigkeit. Nichts ist unangenehm oder peinlich. Man begegnet dem Ganzen mit Offenheit und Neugier. Auch das sollte eigentlich normal sein, war aber (zumindest bei mir) meist nicht wirklich gegeben. Gerade deshalb, weil es hier mit sehr viel Ehrlichkeit, Offenheit, Neugier, Respekt, Interesse und Vertrauen zugeht, können wir überhaupt eine solche Beziehung führen. Selbst über Ländergrenzen hinweg und mit unserem „normalen langweiligen“ Alltag.
Meiner Meinung nach ist das für mich „wahre Liebe“. Eine um die man nicht kämpfen muss, sondern die man einfach lebt. Nichts davon ist selbstverständlich. Es ist immer wieder, das wir uns täglich bewusst füreinander entscheiden. Das wir eine „Einheit“ sind, die zwar autark arbeiten kann aber nur im Zusammenspiel miteinander wirklich ihr Potenzial freigibt. Wie das ganze unter „realen“ Bedingungen ablaufen wird, ist unsere Zukunft über die wir reden und die wir uns vorstellen. Dennoch ist es das: Wir wissen wie der andere „funktioniert“, welche Routinen er hat, was ihn beschäftigt, worüber er sich Gedanken macht und welche Sorgen/Ängste er gerade hat. Wir „bleiben“ auch dann zusammen als ein Paar das das Leben miteinander teilt, selbst mit einer Distanz die nicht so einfach überbrückbar ist. Das kann (oder will) nicht jeder und man geht einfach als das man es versucht. Diese Erfahrung habe ich ebenfalls gemacht und deshalb ist das, was ich hier erlebe, etwas das ich mir früher gewünscht hätte. Vielleicht musste ich aber diesen Weg erst gehen um genau das zu erkennen. Was „wahre Liebe“ eigentlich bedeutet, wenn sie einfach gelebt wird.
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